drei von fern
Ausstellung im Multikulturellen Zentrum Dessau, vom12. November bis 16. Dezember 2011
ROUYA RAOUF, geboren in Babylon,
Mutter von drei inzwischen längst erwachsenen Kindern, Malerin (Studium), Kunstlehrerin, viele arabische Dichter und Kulturwissenschaftler haben über Rouya Raoufs Malerei geschrieben. Gründerin der Halle der Visionen Al-Gadria in Bagdad, Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Lebt jetzt in Leipzig.
Ausstellungen in Doha/Qatar, Amman, Beirut, Damaskus, Kairo, Bagdad…,
MUNIR ALUBAIDI, geboren in Buhriz/Diyala
Maler (Studium an der Universität in Bagdad, auch Sozialwissenschaft in Moskau), Journalist („Weg des Volkes“ in Diyala, und viele Presseberichte),
Haft und Überwachung, Literatur- und Kunstkritiker („Knulp“, Hermann Hesse),
Übersetzer („Nachts schlafen die Ratten doch“, Wolfgang Borchert),
Lehrer (Acrylmalerei, Volkshochschule in Berlin Schöneberg).
Ausstellungen in Bagdad, Amman, Deutschland…
DANI MANSOOR, geboren in Kirkuk
Fotograf (Lehre bei der irakischen Armee, Pressefotograf für die kurdische Arbeiterzeitung in Bagdad), Theater (gegen das Militärregime, Partisan, Flucht über Bulgarien und Ostberlin nach Westberlin und in die Bundesrepublik Deutschland), Maler (Autodidakt), Sozialmanager in Berlin Kreuzberg.
Ausstellungen in Bagdad, Arbil, Göttingen, Darmstadt, Köln, Hanau, Münden, Herzberg/Harz, und viele in Berlin…
Kunst von drei nahen Menschen, die im fernen Irak geboren sind.
Soll in der Kunst ein nationales Kolorit erkennbar sein? Soll man sehen, aus welchem Land ein Künstler kommt? Muss ein Künstler oder eine Künstlerin auf das Nationale verzichten, damit alle Menschen seine oder ihre Kunst ganz verstehen. Wenn Kunst eine Sprache ist, die sehr viele Menschen erreicht, dann muss sie einen Inhalt bieten, der von anderen verstanden werden kann.
Darf die Kunst eine eigene nationale Besonderheit aufweisen, die andere nicht verstehen,? Wie fremd wird die Kunst sein, wenn sie nur von wenigen Eingeweihten verstanden wird? Oder ist das Nationale in der Kunst nur ein Dialekt einer einzigen Sprache, die alle sprechen. Ist die Kunst eine Universalsprache, die alle verstehen, ohne sich zu verstehen?
Die meisten Menschen verstehen die gleichen Gesten, ich lasse die Schulter hängen, ich zucke zusammen vor Schreck, ich schließe die Augen und bin wach, Ich knie nieder und beuge meinen ganzen Körper. Alle werden verstehen, was in mir vorgeht, was meine Körpersprache und Mimik ausdrückt.So ist es mit der Kunst…die Farbe, die Form, die Oberfläche, die Situation, der Gegenstand, das Abbild, die Verzerrung, die Steigerung, die Lust, der Schrecken. Du verstehst es in der Sprache der Kunst, Du verstehst es, wenn Du dasselbe empfindest: Jeder zwar etwas anders, je nach Nation, Religion, Temperament, Lebenserfahrung oder der Kenntnis des Dargestellten. Es ist so, als würden wir verschiedene Dialekte einer gemeinsamen Sprache sprechen. Wir verstehen sogar Künstler, die vor 3000 Jahren lebten, ihre Sprache bewegt uns noch heute, wir vernehmen ihre Botschaft, so wie spätere Generationen unsere Botschaft verstehen werden.Der Turm Nebukadnezars in Babylon (um 600 v. Chr.) in der Phantasie der jüdischen Bibel (Genesis 11), die Bilder aus dem 17. Jahrhundert vom Turmbau zu Babylon (In der Anhaltischen Gemäldegalerie, im Georgium, ist eins davon zu sehen!), die Phantasien der Archäologen zu Babylon und der Neuaufbau des Ischtartores und Teilen der Prozessionsstraße im Vorderasiatischen Museum in Berlin lassen uns die hohe Kultur Mesopotamiens heute und hier erahnen. Die biblische Deutung der Zerstörung des „gotteslästerlichen“ Turmes „zwischen Erde und Himmel“ durch JAHWE und seine Engel als Beginn der Sprachverwirrung in der Welt und die Deklaration Babylons als „Sündenpfuhl“ ist wohl der bösen Erfahrung der Juden geschuldet, ihr Jerusalem an Babylon verloren zu haben und auch noch an den Euphrat in Gefangenschaft gehen zu müssen. Auch der Kult der Ischtar, Göttin der Liebe und des Krieges, wirkt wohl noch in der heutigen Zeit.
Vollständig und ohne Fehler wird niemand verstanden, Unkenntnis und Vorurteil blockieren auch in der Kunst die Verständigung. Ist der Dialekt zu ausgeprägt, dann ist die Verbindung unterbrochen, es rauscht, Ansage: „Der Angerufene ist zur Zeit nicht erreichbar. Versuchen sie es bitte später noch einmal.“ Unsere drei Künstler, die im Irak geboren und dort aufgewachsen sind, sprechen eine Muttersprache, die hier fremd ist. Sie haben andere Sprachen lernen müssen. Und währenddessen haben sie begonnen mit Hilfe der Kunst zu sprechen, in der wir nun auf besondere Weise kommunizieren können.
Dani Mansoor hat gesagt:
Die Arbeit mit Farben kann Grenzen und Sprachlosigkeit überwinden helfen.
Dani Mansoor versucht sich in verschiedenen Stilen, Expressionismus, Action Painting, Abstrakt, auch Realistisch. Er versteht seine Malerei mitten in Berlin als öffentliche Tätigkeit und engagiert sich in seinem Quartier als sozialer Arbeiter.
Munir Alubaidi ist der Philosoph von den Dreien. Im Internet findet man lebensnahe Aquarelle aus seiner Heimat und aus Berlin. Hier in Dessau zeigt er Visionen des „Arabischen Frühlings“, quirlige Bilder, aus denen man den Lärm der Fahnen schwenkenden Massen herauszuhören meint.
Rouya Raouf malt Bilder, die einfache Menschen (auch Scheichs!) verstehen können, dabei schwelgt sie in symbolistischen Formen. Ihre Fesselbilder zweier Menschen, die sich verstrickt haben, sind ganz voll individuellem Ausdruck, und - wenn man so will - der Ischtar verpflichtet.
Künstler halten die Welt fest. Erst durch das Festhalten wird paradoxerweise der Verlust der Gegenwart in jeder Sekunde deutlich. Künstler leben von diesem Verlust, weil sie für andere etwas feststellen, was diesen nicht gelingt. Der Künstler Können wird bewundert, sie werden aber nicht nur geliebt. Sie nehmen sich die Freiheit, die Welt festzuhalten, obwohl die Welt jeden Augenblick entgleitet.
Deshalb sind Künstler unglücklich und glücklich zugleich.
Dieter Bankert